Main-Echo am 10. Dezember 2009

»Vergiss nicht, woher Du kommst«

Lesung: Ismail Kocaayan stellt in der Kochsmühle
sein Buch »Einer von uns - 40 Jahre Deutschland« vor

Obernburg. »Deutschland ist die Perle Europas«, heißt es in der Autobiographie von Ismail Kocaayan. »Immer, wenn ich über die deutsche Grenze wieder einreise, fühle ich mich in jeder Hinsicht sicherer.« Am Dienstag gewährte der Wahl-Erlenbacher bei einer Lesung in der Kochsmühle Einblicke in sein ganz persönliches Bild von dem Land, das schon lange zu seiner Heimat geworden ist.

Kocaayan ist zweifellos eine Ausnahmeerscheinung unter den Buchautoren. Vor 40 Jahren kam er als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland. Mit seinem Renteneintritt im Jahr 2000 begann er, ein Buch über sein Leben zu schreiben. Nun, mit 68, gab er seine erste literarische Lesung vor etwa 30 Zuhörern in der Obernburger Kleinkunstbühne. Kocaayans Lebenserinnerungen zeigen nicht nur, wie Integration im Idealfall aussieht. Sie werfen gleichsam ein Licht auf die Geschichte zweier Kulturen, die trotz aller Unterschiede mehr Gemeinsamkeiten haben, als man auf den ersten Blick erkennt.
Natürlich war der Anfang in Deutschland nicht einfach. Kocaayan gehörte zur ersten Gastarbeitergeneration, die aus der Türkei in die Bundesrepublik kam. Ohne Sprachkenntnisse und Vorwissen musste er sich in einem Land zurecht finden, dass auf die neuen Arbeiter aus fremden Ländern kaum vorbereitet war. Die deutschen Firmen, die in der boomenden Wirtschaft der 60er Jahre händeringend nach Arbeitern suchten, zeigten sich damals noch sehr bemüht um die Neuankömmlinge.
»Besonders die Glanzstoff hatte sich immer gut um uns gekümmert«, erinnert sich Ismail Kocaayan. Um sich mit den Gastarbeitern zu verständigen, gab es eigene Dolmetscher in der Firma, die dem Personal auch Hilfestellung bei der Arbeit und dem täglichen Leben boten. »Sogar der Chef hatte zu Hause im Wörterbuch nachgeguckt und ein paar Redewendungen gelernt. Das hat uns damals sehr imponiert.«
Nach einigen Jahren wurde Kocaayan Betriebsrat, trat der SPD und dem örtlichen Turnverein bei. Seine Bindung an den Untermain wurde immer stärker. Als er seine Frau Hilde kennengelernt hatte und begann, sein eigenes Haus zu bauen, fiel die endgültige Entscheidung: Er würde nie mehr in die Türkei zurückkehren.
Die Geschichte seiner Integration in die deutsche Gesellschaft hat Kocaayan in seinem Buch auf zwei einfache Sätze gebracht. »Vergiss nicht, woher Du kommst« und »Nehme ernst, wo Du lebst«. Damit hat er nicht nur die wichtigsten Grundsätze seines Lebens zusammengefasst, diese Zeilen sagen auch mehr über die Grundlagen erfolgreicher Integration aus, als so manches wissenschaftliche Werk.
Leider kamen die Jahre im »farbigen Deutschland«, das der junge Ismail so nannte, weil er hier zum ersten Mal Farbfilme für seine Kamera kaufen konnte, an diesem Abend etwas zu kurz. Im Buch machen die Episoden der deutsch-türkischen Geschichte etwa drei Viertel aus, bei der Lesung verstrickte sich Kocaayan jedoch etwas in seinen Jugendjahren in der Türkei. »Je älter man wird, umso lebhafter werden die Erinnerungen an die Kindheit«, so der Autor.
Dennoch fand Kocaayan klare Worte in seinem Vortrag: »Mit den Migranten ist eine Bereicherung nach Deutschland gekommen. Toleranz und gegenseitiger Respekt sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein Zusammenleben.« Für die erfolgreiche Integration sei es vor allem wichtig, dass die Migranten die deutsche Sprache erlernten. »Sie ist der Schlüssel zum Verstehen.« Dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Ländern gibt, wurde an mehreren Stellen deutlich. »In der Türkei gibt es das Frauenwahlrecht seit 1936, länger als in Frankreich, Italien oder der Schweiz«. Die industrielle Entwicklung habe die moderne Türkei den europäischen Ländern weiter angeglichen.
Man dürfe aber nicht vergessen, dass die türkische Republik noch vergleichsweise jung sei. »Es ist aber beachtlich, was in wenigen Jahren geschafft wurde.« Von der EU würde er sich eine klare Aussage zu einem Beitritt der Türkei wünschen. »Wenn das so weitergeht, wird die EU die Türkei verlieren. Man braucht klare Verhältnisse«, so Kocaayan. »Durch das ewige Hin und Her werden nur die Islamisten gestärkt.«
Mit seinem Werk will Kocaayan sowohl bei deutschen als auch bei türkischen Lesern mehr Verständnis wecken: »Mein Buch soll daran erinnern, woher meine Generation kam, wie es in der Türkei war und warum wir kamen.«
Die erste Auflage ist bereits ausverkauft, bei der Lesung gingen die letzten drei Exemplare über den Tisch. Ob Kocaayan, der sein Werk im Selbstverlag herausgegeben hatte, eine weitere Auflagen drucken lässt, ist noch ungewiss.
Andreas Göbel